Am 30. April stellte CineMova Ukrainian Empowerment Network e.V. gemeinsam mit Iryna Orys’a Marciuk und Oksana Marciuk – Nachfahrinnen der Ravensbrück-Überlebenden Lidia Ukarma-Marciuk – sowie der Osteuropahistorikerin Uta Gerlant eine Publikation über ukrainische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück vor. Die Veranstaltung fand in der Buchhandlung „Literatura bez cukru“ in Berlin-Kreuzberg statt. Ukrainische Frauen im KZ Ravensbrück sind bis heute in der deutschen Erinnerungskultur kaum sichtbar. Die Veranstaltung setzte genau hier an.
Im Zentrum stand die Biografie von Lidia Ukarma-Marciuk und mit ihr die Erfahrung vieler ukrainischer Frauen, deren Geschichten in der deutschen Erinnerungskultur bislang nur unzureichend sichtbar sind. Historische Forschungen zeigen, dass sich unter den bis zu 130.000 Inhaftierten in Ravensbrück mehrere tausend Frauen aus dem Gebiet der heutigen Ukraine befanden, deren genaue Zahl jedoch bis heute unklar ist, da sie in den Lagerdokumenten meist nicht als Ukrainerinnen erfasst wurden. Diese Praxis wirkt bis heute nach: Viele wurden als „Sowjetbürger“, „Russinnen“ oder unter anderen Kategorien geführt und damit in ihrer spezifischen Herkunft unsichtbar gemacht. Gleichzeitig waren viele dieser Frauen einer doppelten Verfolgung ausgesetzt – zunächst durch das NS-Regime, später durch Repressionen in der Sowjetunion.
Oksana Marciuk betonte, dass diese Unsichtbarkeit auch in der heutigen Erinnerung fortbesteht:
„In Ravensbrück wird die Ukraine nach wie vor gerne der Sowjetunion zugeschlagen.“
Ihre Mutter sei als politischer Häftling inhaftiert worden und habe sich für eine eigenständige Ukraine engagiert – eine Perspektive, die in der Gedenkstätte bislang kaum sichtbar werde. Die langjährige Initiative der Familie für eine stärkere Würdigung ukrainischer Häftlinge verweist auf strukturelle Lücken im Gedenken.
Die Frage nach Sichtbarkeit und Repräsentation zog sich durch den gesamten Abend. Iryna Orys’a Marciuk schilderte die Situation in der Hauptausstellung der Gedenkstätte als unzureichend:
„Es macht mich traurig, dass es dort kaum Hinweise auf die ukrainischen Gefangenen gibt.“
Besonders belastend sei, dass ihre eigene Identität „auf wenige, eher zufällige Andeutungen reduziert“ werde, obwohl tausende Ukrainerinnen betroffen waren. Dass selbst die Anbringung einer Gedenktafel „Anstrengungen über viele Jahre“ erforderte, verweist auf strukturelle Defizite in der Erinnerungspraxis. Vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges gegen die Ukraine werde diese Leerstelle „fast als Provokation“ wahrgenommen.


Ein weiterer zentraler Aspekt war die Bedeutung von Namen im Kontext des Gedenkens. Die Diskussion machte deutlich, dass eine differenzierte Erinnerungskultur nur möglich ist, wenn Menschen mit ihren eigenen – ukrainischen – Namen erinnert werden und nicht mit russifizierten Formen. Die Frage der Benennung ist damit unmittelbar mit der Frage nach Sichtbarkeit und Anerkennung verbunden.
Uta Gerlant ordnete diese Beobachtungen historisch ein und verwies darauf, dass viele Opfergruppen erst spät Eingang in die deutsche Erinnerungskultur gefunden haben.
Besonders betroffen seien Gruppen gewesen, „die auch nach dem Nationalsozialismus stigmatisiert wurden, deren Verfolgung mit Scham verknüpft war oder die kaum Nachfahren hatten“, darunter Sinti und Roma, queere Menschen sowie Opfer von Zwangssterilisierung und sogenannter „Euthanasie“.
Erinnerung sei daher kein statischer Zustand, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.
Zugleich unterstrich Gerlant die aktuelle politische Relevanz historischer Differenzierung: Während Ukrainer*innen seit Beginn der russischen Vollinvasion stärker als NS-Opfer sichtbar werden, werde zugleich „das Narrativ von den russischen NS-Opfern und Siegern im Zweiten Weltkrieg für den Aggressionskrieg instrumentalisiert“. Eine plurale Erinnerungskultur müsse dieser Vereinfachung entgegenwirken und sicherstellen, dass unterschiedliche Erfahrungen nicht erneut unsichtbar gemacht werden.
Auch neue Forschungsperspektiven tragen zu dieser Differenzierung bei. Sie zeigen, dass die nationalsozialistische Politik gegenüber der Ukraine neben Gewalt und Zwangsarbeit auch konkrete koloniale Zielsetzungen verfolgte – etwa in landwirtschaftlichen Versuchsanlagen, in der Rohstoff- und Treibstoffforschung sowie in der gezielten sozialen Hierarchisierung ukrainischer Zwangsarbeiter*innen. Die Ukraine war damit nicht nur Ort der Verfolgung, sondern auch Gegenstand langfristiger kolonialer Planungen.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass eine inklusive und plurale Erinnerungskultur aktive Impulse aus Zivilgesellschaft, Forschung und von Nachkommen der Betroffenen benötigt. Ohne die Perspektiven ukrainischer Frauen bleibt die Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück unvollständig erzählt.
Die Publikation ist weiterhin in der Buchhandlung „Literatura bez cukru“ (Großbeerenstr. 83, 10963 Berlin-Kreuzberg) erhältlich.





